Wettkämpfe sind für Kinder unerlässlich – „Wettkampfsystem Kinderleichtathletik“ unter Wettkampfpädagogischen Aspekten

Das „neue“ Wettkampfsystem Kinderleichtathletik ist keine Spielleichtathletik, sondern stellt eine allgemeine, vielseitige, motorische Schulung in der Grundausbildung dar, in der Kinder wetteifern und dabei stehen intrinsische Motive wie Spaß und Spannungserlebnisse im Vordergrund.

Es konnte festgestellt werden, dass Kinder die Wettkämpfe regelmäßig betreiben eher psychisch überfordert werden als physisch. Dies ist eine Folge nicht berücksichtigter Bedürfnisse von Kindern und einer systemstabilisierenden Funktion des Sportsystems, denn das derzeitige Wettkampfangebot für Kinder, ist nicht aus pädagogischen Gründen entwickelt worden. Dies bedeutet wiederum, dass ein pädagogisch vertretbarer Wettkampfsport für Kinder eine adäquate Wettkampfpädagogik impliziert, die eine allgemeine, vielseitige, motorische Schulung in der Grundausbildung bedingt. Kinder wollen wetteifern, dabei sollen intrinsische Motive wie Spaß und Spannungserlebnisse im Vordergrund stehen.

Die Wettkampfsaison im Sommerhalbjahr ist seit kurzem eröffnet und sehr viele Vereine bieten Kinderleichtathletik Wettkämpfe an. Auch der Hessische Leichtathletik Verband veranstaltet am 02.September in Gelnhausen einen U12 Teamwettkampf. Qualifizieren können sich die Vereine über Vorkämpfe in den Regionen des Landes (Südhessen, Mittelhessen und Nordhessen). Die besten 3 Teams der Regionen können dann am Endkampf in Gelnhausen teilnehmen. Deswegen dachte ich mir, ich arbeite in den folgenden Ausführungen  wissenschaftlich auf, warum Wettkämpfe für Kinder unerlässlich sind und das “Wettkampfsystem Kinderleichtathletik” notwendig ist.

Wettkampfsport ist nicht unpädagogisch

Aus anthropologischer Sicht widerspricht es nicht dem Wesen des Kindes, sich zu vergleichen. Pädagogisch meint dabei kindgemäß, nicht wettbewerbslos (vgl. Frey, 1997, S. 331). Für die Entwicklung der Persönlichkeitseigenschaften wie Leistungsbereitschaft und Leistungsmotivation oder physische und psychische Stabilität der Kinder kann der Kinderwettkampfsport dienlich sein. Auch für die Entwicklung des Kompetenzgefühls kann der Wettkampfort als Wagnis und Abenteuer ein gutes Erziehungs- und Übungsfeld darstellen (vgl. Kim, 1995, S. 27). Der bisherige (traditionelle) Wettkampfsport hat gleichermaßen Risiken und Chancen. Jedoch werden in vielen Sportarten, für Kinder Titel des Deutschen Meisters vergeben, wobei der Wettkampf ein reduziertes Programm der Erwachsenen ist. In der Leichtathletik werden erst im Jugendalter Deutsche Meistertitel vergeben, aber auch hier ist das Wettkampfprogramm der Kinder ein reduziertes der Erwachsenen. Bei solchen Wettkämpfen wird die vielseitige Ausbildung der Leistungsvoraussetzung zu wenig beachtet (vgl. Martin et al., 1999, S. 396).

Ziel des Wettkampfsports für Kinder

Ziel des Wettkampfsports für Kinder sollte die Auseinandersetzung mit verschiedenartigen Aufgaben im Training und Wettkampf sein, um die Heranwachsenden zu selbstbewussten, selbstbewältigenden und kommunikativen Individuen erziehen zu können (vgl. Kim, 1995, S. 46ff.). Pädagogische Probleme beim Kinderwettkampfsport liegen an der Überbetonung des Wettkampfsieges und dessen unsachgemäße Belohnung durch Erwachsene. Belohnung der Leistung ist ein sekundäres Motiv im Wettkampf. Primäres Motiv ist u.a. der Wunsch nach sportlicher Verbesserung, personelle Vollkommenheit und Spannungserlebnissen im Wettkampf oder das Bedürfnis nach Leistungsvergleich mit anderen. Geschieht dies nicht, so kann bei Kindern ein Gefühl der Inkompetenz auftreten und sie ziehen sich vom Wettkampfsport und somit auch vom Vereinssport zurück, da dieser überwiegend am Wettkampf orientiert ist. Die Wettkämpfe werden von den Kindern als Selbstwert bedrohende Stresssituationen wahrgenommen. Der Ausstieg aus dem Wettkampfsport ist in diesem Sinne als Maßnahme für den Schutz des Selbstwertgefühls zu verstehen (vgl. Kim, 1995, S. 48ff.).

Auswirkung auf Leichtathletik

Hans Katzenbogner formuliert für die Leichtathletik folgende Punkte: „Die Meisterschaften bestehen aus einem Abbild der Erwachsenen-Wettkämpfe, sie dauern zu lange, werden nicht kindgemäß durchgeführt die emotionale Wirkung wird nicht ausreichend ausgeschöpft, durch zu starke Konzentration auf Einzeldisziplinen kommt es zu einer unzureichenden vielseitigen Grundausbildung der Kinder und es fehlen vielseitige Mehrkampf-, Staffel und Mannschaftswettkämpfe mit zum Teil alternativen Charakter“ (zitiert nach Martin et al., 1999, S. 396). Aufgrund dieser Äußerungen über den Kinderwettkampfsport plädieren Sportpädagogen für alternative pädagogische Wettkampfanforderungen, in denen sich Wettkampf und Wetteifer konstruktiv auswirken können (vgl. Kim, 1995, S. 25). Der leistungsbetonte Kinderwettkampfsport ist nicht aus pädagogischen Gründen entwickelt worden, sondern hat eine systemstabilisierende Funktion übernommen. Dies wird aus der hohen Drop-Out-Rate deutlich.

Erzieherische Elemente im Wettkampfsport

Wettkämpfe enthalten darüberhinaus eine Vielzahl an erzieherischen Funktionen, denn erst im Wettkampf werden Herausforderungen, Bewährungen, Erlebnisse, Leistungen und Erfolge sichtbar, aber auch Misserfolge, Enttäuschungen, Risiken, Spannung, Freude oder Lust gehören dazu (vgl. KATZENBOGNER, 2010, S. 16). Durch diese Anforderungen wird der Einsatz der gesamten Persönlichkeit gefordert. Wettkämpfe sind somit „Bewährungssituationen und werden für … Sportler zu Erfolgserlebnissen, wenn sie die im Training erworbenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten erfolgreich erproben können. Sie sind ein ständig motivierender Faktor.“ (HOFFMANN zitiert nach MARTIN et al., 1999, S. 403). Motivation ist ein entscheidender Faktor im Kindersport und dient somit der psychischen Stabilisierung und der realistischen Selbsteinschätzung. Wettkämpfe schaffen

Motivation ist entscheidend

Wettkämpfe schaffen Motivation und sollen für ein lebenslanges Sporttreiben Antrieb bieten (vgl. KATZENBOGNER, 2010, S. 17). Diese Erfahrungen dürfen Kindern nicht vorenthalten werden. Auf das wenige Interesse am Wettkampfsport durch den gesellschaftlichen Wertewandel (von Leistung zu Spaß und Freude) muss das System reagieren und eine Wettkampfreform anstoßen, denn das derzeitige Wettkampfsystem des Nachwuchses bietet ein nur bedingt motivierendes, freudiges Wettkampfprogramm. Es muss weg von der frühen Spezialisierung hin zu einer vielseitigen, sportartübergreifenden Grundausbildung im Nachwuchsbereich, um u.a. den Spitzensport und den Vereinssport zu retten (vgl. KIM, 1995, S. 33).

Wettkämpfe sind im Kindesalter bedeutungsvolle Stationen auf dem Weg zu höheren Leistungen (vgl. KATZENBOGNER, 2010, S.16). Auch der erzieherische Wert in Form einer gesundheitlichen Wirkung und Möglichkeiten der Schulung von Leistungsmotivation und Leistungsbereitschaft sind Teil des Wettkampfs mit Kindern (vgl. KIM, 1995, S. 3).

Fazit

Dem Kinderwettkampfsport fehlt eine eindeutige pädagogische Zielsetzung. Kinder sollten im Wettkampfsport freudiges Leistungshandeln und ihre eigenen Leistungsgrenzen erfahren, dies kann allerdings nur ein kindgemäßer Wettkampf leisten.

Das Wettkampfsystem Kinderleichtathletik bietet daher Chancen und ist notwendig für die Wiederbelebung der kindlichen Bewegungswelt in der Leichtathletik.

 

Literaturverzeichnis

  • FREY, G. (1997). (Auch) neue Wettkämpfe für den Nachwuchs. In: Kinder in der Leichtathletik. Bericht vom Kongress des Deutschen Leichtathletik Verbandes. S.325-336. Hrsg.: Deutscher Leichtathletik Verband. Darmstadt: Justus-von-Liebig-Verlag.
  • KIM, K. (1995). Wettkampfpädagogik – Pädagogik des sportlichen Leistungshandelns im Kinder-Wettkampfsport. Berlin: Verlagsgesellschaft Tischler GmbH.
  • MARTIN, D., NICOLAUS,D., OSTROWSKI, C.& ROST, K. (1999). Handbuch Kinder- und Jugendtraining. Schorndorf: Hofman-Verlag.
  • KATZENBOGNER, H. (2010). Wettspiele –Höhepunkte in Kinderleichtathletik Teil 1. In Leichtathletiktraining 6, 15-21.

 


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