Im vergangenen Jahr hat der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) ein neues richtungsweisendes Wettkampfsystem im Nachwuchsbereich verabschiedet, das Kinder mit eigenen Bedürfnissen und unterschiedlichen Entwicklungsphasen sieht. Das umstrukturierte Wettkampfsystem berücksichtigt aktuelle Erkenntnisse und Bedingungen des Kinderleistungssports, denn die allgemeine Grundausbildung im Sportsystem muss an Bedeutung gewinnen, um emotionaler Ermüdung und Drop-Outs entgegen zu wirken. Der DLV hat aufgrund dieser Erkenntnisse der Grundausbildung, also der Kinderleichtathletik, einen hohen Stellenwert beigemessen und dies im neuen Wettkampfsystem umgesetzt. Kinderleichtathletik Wettkämpfe des neuen Wettkampfsystems des DLV sind vielseitig, motivierend, fähigkeitsorientiert, berücksichtigen die Bedürfnisse von Kindern, sind langfristig angelegt um einen zielgerichteten Übergang zur Jugendleichtathletik zu gestalten und beugen somit auch der Drop-Out-Problematik vor.
Auf Grund meiner Tätigkeit in der AG Wettkampfsystem Kinderleichtathletik habe ich meine Examensarbeit diesem bedeutsamen Thema gewidmet. In der Ausarbeitung setze ich mich intensiv mit den theoretischen Grundlagen des neuen „Wettkampfsystem Kinderleichtathletik“ auseinander, die ich hier nun erläutern möchte.
Gesellschaftlicher Wandel und dessen Konsequenzen
Kindheit ist einem starken historischen und gesellschaftlichen Wandel unterworfen und hat somit Auswirkungen auf den Bereich der Bewegungswelt und des Sportzugangs von Kindern (vgl. Schmidt, 1996, S.9). Heranwachsende entwickeln sich durch die Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt. Welche Lebensweltbedingungen die Entwicklung der Kinder in der heutigen Zeit beeinflussen und ob sie den kindlichen Entwicklungsbedürfnissen gerecht werden (vgl. Hildebrandt, 1994, S.5), ist eine entscheidende Frage, denn der Sport für Kinder trifft heute auf veränderte Rahmenbedingungen. Anhand von Studien konnte aufgezeigt werden, dass sich die Fitness der Kinder um 10% im Vergleich zu 1975 verschlechtert hat, obwohl 80% der Kinder einem sportbezogenem Hobby nachgehen (Trend zur „Versportung“). Eine mögliche Funktion des Sports ist es diese Folgen aufzufangen, besonders der Leistungssport ist dabei für Kinder förderlich, denn der Schulsport alleine kann diese Defizite im Kindesalter nicht kompensieren. Ein hierauf ausgerichtetes Training ist dabei eine wertvolle Entwicklungsmöglichkeit zur Erhöhung der Bewegungsmöglichkeiten von Kindern.
Grundausbildung muss an Bedeutung gewinnen
Jean-Jacques Rousseaus These in der Erziehung „Zeit zu verlieren um Zeit zu gewinnen“ ist für die Forderungen eines zweckmäßigen Leistungssports für Kinder unabdingbar (Güllich, 2004, S. 157). Güllichet al. haben eine empirische Untersuchung zur „Produktion sportlichen Erfolgs“ durchgeführt und sie kritisch analysiert.
Die Verlangsamung der Trainings- und Erfolgswahrscheinlichkeit in einer Sportart, durch eine vielfältig motorische, breit angelegte Grundausbildung und durch Vermeiden von verfrühten emotionalen Ermüdungserscheinungen beim Sportler würde zu weniger Drop-Outs führen. Die allgemeine Grundausbildung müsste folglich an Bedeutung gewinnen. Pechtl et al. zeigten in ihrer langfristigen Leistungsentwicklung, dass der Sportler von Beginn an in einer Sportart verweilen sollte. Dies spricht nach den Ergebnissen von Emrich et al. einer dysfunktionalen Beschleunigungsinduktion zu (vgl. Güllich, 2004, S.174). Immer mehr Kinder werden frühzeitig, bereits im Vorschulalter sportartspezifisch in Wettkampf und Training vorbereitet. Nur wer früh beginnt, kann später auch gut werden. Die empirischen Studien widerlegen dies, denn Kinder und Jugendliche, die frühzeitig in den Förderstrukturen des Verbandes aufgenommen werden, werden von Sportlern überholt, die jenseits der Kaderförderung, in erster Linie in den Sportvereinen, trainieren (vgl. Emrich, 2005, S.180). Die frühe sportartspezifische Spezialisierung von Kindern sollte innerhalb der Verbände zu neuen Ansätzen führen. Eine qualitative Stärkung der Sportvereine sollte erfolgen, ein Umdenken in Richtung vielfältiger motorischer Entwicklungsreize mit koordinativen, sportartübergreifenden und sportspezifischen Anteilen ist aus pädagogisch-psychologischen und bewegungs- und trainingstheoretischen Perspektiven zu fördern (vgl. Emrich, 2008, S.475). Aufgrund des Zeitverlustes in der Grundausbildung lässt sich auf lange Sicht ein höherer Erfolgsertrag erweisen (vgl. Güllich, 2004, S.176).
Fazit
Kurz fordert, um den Kinderleistungssport sinnvoll und pädagogisch zu gestalten, müssen die übergeordneten Stellen wie beispielsweise der DLV über neue Wettkampfreglements entscheiden (vgl. Kurz, 1982, S. 195) . Ein neues Wettkampfsystem im Nachwuchsbereich bietet daher Chancen
und ist notwendig für die Wiederbelebung der kindlichen Bewegungswelt in
der Leichtathletik.
Das “Wettkampfsystem Kinderleichtathletik” des DLV ist meiner Meinung nach ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Viele Kinder sollen langsam und langfristig für die Kernsportart Leichtathletik gewonnen werden.
Weitere Informationen
Der DLV hat unter: http://www.leichtathletik.de/index.php?SiteID=853 die wichtigsten Informationen, Beschreibungen der Disziplinen und Videos veröffentlicht.
Literaturverzeichnis:
- Emrich, E. & Güllich, A. (2005). Zur „Produktion sportlichen Erfolges“. Organisationsstrukturen, Förderbedingungen und Planungsannahmen in kritischer Analyse (S.180). Köln: Sport und Buch Strauß GmbH.
- Emrich, E. & Güllich, A. (2008). Leistungssport im Kindes- und Jugendalter. In W. Schmidt (Hrsg.), Zweiter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Schwerpunkt: Kindheit (S. 475). Schorndorf: Hofmann-Verlag.
- Güllich, A., Emrich, E. & Prohl, R. (2004). „Zeit verlieren um (Zeit) zu gewinnen“- auch im Leistungssport? – Empirische Exploration in der Nachwuchsförderung. In R. Prohl & H. Lange (Hrsg.),Pädagogik des Leistungssports. Grundlagen und Facetten (S. 157-174). Schorndorf: Hofmann-Verlag.
- Hildebrandt, R., Landau, G. (1994). Kindheit im Wandel – Zur Frage nach Gegenstrategien. In R. Hildebrandt, G. Landau, W. Schmidt. (Hrsg.), Kindliche Lebens und Bewegungswelt im Umbruch. Symposium an der Universität Osnabrück – Standort Vechta – vom 14.-16. Oktober 1993(S. 5). Hamburg: Czwalina.
- Kurz, D. (1982). Pädagogische Gesichtspunkte zum Leistungssport im Kindesalter. In H. Howald & E. Hahn (Hrsg.), Kinder im Leistungssport. 19. Magglinger Symposium 1980(S. 184-199). Basel, Boston, Stuttgart: Birkhäuser Verlag.
- Schmidt, W. (1996). Veränderte Kindheit – Veränderte Bewegungs- und Sportwelt: Analyse und pädagogische Konsequenzen. In W. Schmidt (Hrsg.) Kindheit und Sport – gestern und heute (S. 9). Hamburg: Czwalina.